Jemen
Nothilfe und Perspektivenschaffung
Situationsreport
Der anhaltende Bürgerkrieg im Land sowie die Verstrickung in den Gaza-Konflikt und den Irankrieg im Jahr 2025 haben die Krise im Jemen weiter dramatisch verschärft. Es kam zu verheerenden Vergeltungsschlägen, die das ganze Land schwer trafen. Häfen, Flughäfen und Energieanlagen wurden massiv beschädigt. Diese Zerstörungen ruinierten wichtige Einkommensquellen des Landes und verschlimmerten die ohnehin katastrophale humanitäre Lage erheblich. Armut und Hunger betreffen nun mindestens 80 % der Bevölkerung. Vier von fünf Jemeniten leben in multidimensionaler Armut. Die Preise sind explodiert bei gleichzeitigem Wegfall der Einkommen, sodass viele kaum noch überleben können. Viele Familien bleiben schutzlos und voller Angst sich selbst überlassen. Der Jemen ist weiterhin von zahlreichen Frontlinien durchzogen, verschiedene Parteien und Milizen bekämpfen sich und eine politische Lösung lässt auf sich warten.
Für Millionen von Menschen im Land fehlte es 2025 an Nahrung, Wasser und medizinischer Versorgung. Krankheiten breiteten sich im ganzen Land aus, da das Gesundheitssystem fast gänzlich kollabiert ist. Bürgerkrieg, Chaos, wirtschaftlicher Ruin und der Zusammenbruch des Bildungswesens haben den Jemen an den Rand des völligen Kollapses gebracht. Leider fielen im Jemen 2025 angesichts vieler globaler Krisen bis zu 75 % der internationalen Hilfen weg, auf die das Land so dringend angewiesen wäre. Aufgrund der Instabilität im Land sowie der zurückgehenden internationalen Unterstützung blieb insgesamt eine humanitäre Verbesserung aus.
Projektdurchführung
Um die dringendste Not der bedürftigen Bevölkerung im Jemen zu lindern, leistete Anugerah im Jahr 2025 zusammen mit lokalen Partnern weiter substanzielle Hilfe in verschiedenen Regionen. Der Schwerpunkt der Unterstützungsmassnahmen bildete die Nothilfe für besonders vulnerable Gruppen wie Binnenvertriebene und Rückkehrer, Witwen, Waisen, alleinerziehende Mütter, Kinder und Säuglinge, ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten, Mitglieder benachteiligter Haushalte sowie Angehörige ausgegrenzter ethnischer Minderheiten wie die Muhammasheen bzw. Achdam/Abeed.
Der Verein Anugerah leistete Unterstützung durch die Bereitstellung von Lebensmittelpaketen, medizinischer Notfallhilfe, sauberem Wasser und durch Bildungsförderung für Schulkinder, Studierende, Lehrkräfte und Eltern. Insgesamt konnten die Projekte von Anugerah im Jahr 2025 mehr als 70‘000 Menschen im Land erreichen und unterstützen. Wir danken all jenen, die sich vor Ort unermüdlich für die leidende jemenitische Bevölkerung einsetzten und dabei oft erheblichen Gefahren ausgesetzt waren.
1. Versorgung mit Nahrung und sauberem Trinkwasser
Der andauernde Krieg hat die Wirtschaft des Landes praktisch zum Erliegen gebracht, wodurch Armut, Unterernährung und Krankheitsanfälligkeit drastisch zugenommen haben. Gemäss offiziellen Angaben sind mehr als die Hälfte aller Todesfälle im Jemen auf Mangel an Nahrung, sauberem Wasser und medizinischer Versorgung zurückzuführen. Angesichts dieser Notlage hat Anugerah in ihrer Arbeit einen Schwerpunkt auf die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Trinkwasser gelegt. 2025 organisierten lokale Teams in neun Provinzen regelmässig Hilfseinsätze, bei denen Zehntausende der bedürftigsten Familien mit Grundnahrungsmitteln unterstützt wurden. Der Jemen zählt zu den wasserärmsten Ländern der Erde und der bewaffnete Konflikt hat die ohnehin knappen Ressourcen weiter eingeschränkt. Laut jüngster humanitärer Bedarfsanalyse der Vereinten Nationen sind derzeit rund 22,3 Millionen Menschen – mehr als die Hälfte davon Kinder – auf Hilfe angewiesen, um Zugang zu Wasser, sanitären Einrichtungen und Hygiene (WASH) zu erhalten. Dies entspricht einem Anstieg von 28,2 % gegenüber dem Vorjahr.
Der gravierende Mangel an sauberem Wasser fördert die Ausbreitung vermeidbarer Krankheiten wie Cholera und anderer Infektionen. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, installierte Anugerah in besonders stark betroffenen Regionen Regenwassersammelanlagen, Wasserfilter sowie einfache Aufbereitungssysteme für arme Haushalte. Diese Massnahmen verschafften vielen Familien erstmals seit Jahren wieder Zugang zu sicherem Trinkwasser, reduzierten das Risiko von Krankheiten und entlasteten insbesondere Frauen und Kinder, die nun nicht mehr stundenlang zu entfernten Brunnen laufen müssen. Dadurch gewannen sie wertvolle Zeit für Bildung, Familie und den Wiederaufbau ihres Lebensalltags.
2. Medizinische Nothilfe
Im Jahr 2025 setzte Anugerah ihre dringend benötigte medizinische Unterstützung im Jemen fort und half Binnenvertriebenen sowie besonders armen Familien, die sich keine Notfallmedizin leisten konnten. Unter Leitung jemenitischer Ärzte und in Zusammenarbeit mit lokalen Partnern und Kommunen erhielten bedürftige Personen und ihre Familien dringend notwendige medizinische Behandlungen, darunter Unfall-Versorgung, grössere Operationen, Behandlung chronischer und lebensbedrohlicher Krankheiten sowie Hilfe für gefährdete Mütter, Kleinkinder und Neugeborene. Zudem wurden Hygienepakete verteilt und psychologische Hilfe für traumatisierte Menschen angeboten. Angesichts der durch den Bürgerkrieg stark beeinträchtigten Gesundheitsinfrastruktur trug Anugerah entscheidend dazu bei, für viele Menschen die lebenswichtige Gesundheitsversorgung sicherzustellen und die Auswirkungen der Dauerkrise zu lindern.
3. Notunterkünfte: Flüchtlings- und Waisenhilfe
Auch im Jahr 2025 stellte Anugerah sichere Unterkünfte für Binnenvertriebene und Kriegswaisen im Jemen bereit, die durch Kriegshandlungen ihre Familien verloren haben. Besonderes Augenmerk galt vulnerablen Familien, die wegen Krieg oder Gewalt durch extremistische Gruppen fliehen mussten. Ein speziell eingerichteter Schutzfonds half Betroffenen mit Notunterkünften und Hilfsgütern, insbesondere mittellosen Flüchtlingsfamilien von Witwen oder alleinerziehenden Müttern. Die Hilfe umfasste neben der sicheren Unterkunft und der Unterstützung an den Lebensunterhalt auch notwendige Medikamente. Insgesamt stärkten diese Massnahmen die Würde und Resilienz der Betroffenen trotz anhaltender Unsicherheit im kriegsgeplagten Jemen.
4. Schulen und Bildungsförderung
Im Jahr 2025 ermöglichte Anugerah zahlreichen Waisen und Kriegs- und Flüchtlingskindern in mehreren jemenitischen Provinzen den Schulbesuch trotz der Tatsache, dass viele Schulen weiterhin zerstört sind. In Zusammenarbeit mit lokalen Behörden wurden mehrere Schulen wiederaufgebaut und renoviert, neue Klassenzimmer gebaut, Lehrkräfte weitergebildet und Berufsausbildungen angeboten. Wo es an Schulen mangelte, wurde ein zusätzlicher kommunaler Schulunterricht eingerichtet. Begabte Jugendliche aus besonders vulnerablen und armen Familien erhielten befristete Stipendien für weiterführende Schulen und Lehrkräfte erhielten finanzielle Unterstützung, um ihren Lehrauftrag weiterhin auszuüben und damit ihre Familien zu versorgen. Zudem wurden in verschiedenen Provinzen Tausende benötigte Schulausrüstungen an bedürftige Schüler verteilt. All diese Massnahmen zielten darauf ab, den starken Bildungsmangel der jemenitischen Kriegsgeneration effektiv zu bekämpfen, die Gefahr von Kinderarbeit, Kinderehen und der Rekrutierung von Kindersoldaten zu reduzieren und in eine positive Zukunft des Jemens zu investieren.
Projektfazit
Durch enge Zusammenarbeit mit lokalen Partnern und dank grosszügiger Unterstützung konnte Anugerah im Jahr 2025 in verschiedenen Bereichen dringend benötigte Hilfe leisten und durch Bildungsarbeit neue Perspektiven schaffen. Über 70’000 Menschen profitierten von dieser Hilfe, was nicht ohne die Beteilung verschiedener Akteure sowie dem Wohlwollen der Behörden möglich gewesen wäre. Trotz der schweren und sich immer weiter zuspitzenden Krise gelang es Anugerah, an vielen Orten Hoffnung zu spenden, Krankheiten zu lindern und Nothilfe zu leisten. Mit Dankbarkeit für die Leidenschaft und Entschlossenheit ihrer wertvollen lokalen Teams wird Anugerah auch weiterhin der notleidenden Bevölkerung im Jemen zur Seite stehen. Herzlichen Dank an alle Unterstützer, die mithalfen, dass im Jemen Not gelindert und Hoffnung auf eine bessere Zukunft gesät werden konnte.
Projekt unterstützt vom Lotteriefonds Kanton Bern